Virtuose Spielfreude ohne Genregrenzen

Malisch-französisches Jazz-Quartett in Timmendorfer Strand

von Til Rohgalf

Aufregender Contemporary Jazz mit Akkordeon, Cello, Kora und Saxofon: Im Rahmen des Jazz Baltica Festivals spielen Les Égarés in Timmendorfer Strand.

Der malische Kora-Spieler Ballaké Sissoko, der Cellist Vincent Segal, Vincent Peirani (Akkordeon) sowie Emile Parisien (Saxofon) gründeten “Die Verlorenen” 2019 spontan im Rahmen einer Jam-Session. Ihr bisher einziges, selbstbetitelte Album folgte 2023. Auf diesem spielt das Quartett eine Melange aus Jazz, Avantgarde, Kammermusik, folkloristischen Elementen und Zutaten des französischen Musette Neuve. Spielfreude und der Experimentiergeist der vier Musiker sind buchstäblich zu hören und zu spüren. Im Zusammenspiel harmoniert das Quartett mit schlafwandlerischer Sicherheit. Sissoko und Segal spielten bereits als Duo, ebenso Peirani und Parisien. 

Zu viert schaffen sie einen intimen Klangraum, bei dem ausreichend Platz für alle Instrumente als Solo-Stimmen bleibt. Es entsteht ein fesselnder und unterhaltsamer Höreindruck, der durch die Präsenz der Musiker und das hervorragende Songwriting Substanz erhält. Verspielt oszillieren Les Égarés ohne Genregrenzen zwischen  getragenen Kammermusiksequenzen, folkloristischem Up-Tempo, Versatzstücken französischen Akkordeon-Walzers und Feel-good-Jazz. Außergewöhnlich ist dabei, welche Dynamik trotz des völligen Verzichts auf Percussions entsteht.

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Beeindruckend ist, wie die solistisch starken und virtuosen Persönlichkeiten als Quartett zielsichere Zurückhaltung beweisen, um zu einer musikalischen Einheit zu verschmelzen.

Neben dem Akkordeonspiel von Vincent Peirani ist es dabei vor allem Ballaké Sissoko an der Kora, der Les Égarés einen sehr charakteristischen Sound verleiht. Im Jazz ist dieses Instrument wohl eher ein Unikat, denn Kora ist eine traditionelle Stegharfe aus Westafrika. Durch das Zupfen der Saiten können von geübten Kora-Spieler*innen auch Einzeltöne und Akkorde parallel gespielt werden. Das Instrument kann eher perkussiv-rhythmisch eingesetzt werden oder melodisch-getragen. Es entfaltet einen ganz individuellen, warmen und beruhigenden Klang. Die Kora ist aus der traditionellen Musikkultur Malis, Gambias, Ghanas oder dem Senegal nicht wegzudenken. 

Durch eines der dunkelsten Kapitel der USA, der Sklaverei, wurde dieses Instrument nach Amerika importiert. Für viele afrikanische Sklav*innen war die Adaption traditioneller Musik ein wichtiges Mittel, die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen zu ertragen. Aus der Tradition der westafrikanischen Kora-Musik ist schließlich auch der Blues entstanden. In jüngerer Vergangenheit erlangte eine zeitgemäße Form der Kora-Musik unter den Namen “Desert Blues” oder “Mali Blues” auch in der europäischen Musikszene eine größere Bekanntheit. Als wichtige Protagonisten sind neben Ballaké Sissoko auch Ali Farka und dessen Sohn Boureima „Vieux“ Farka Touré zu nennen.

Zu hören sind Les Égarés am 29.06. auf der Maritim Main Stage in Timmendorfer Strand.

Karten und weitere Informationen sind unter https://jazzbaltica.de/ zu finden.

Fotos: Akkordeon: Vincent Peirani, Kora: Ballaké Sissoko, Saxophon: Emile Pariien und Cello: Vincent Segal (mit freundlicher Genehmigung durch JazzBaltica, alle Fotos @Gassian)

Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.

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