Das Staatstheater deutet „Dido und Aeneas” psychoanalytisch
von Til Rohgalf
Die barocke Oper „Dido und Aeneas” von Henry Purcell wird in der Neuinszenierung zu einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit traumatischen Folgen von Krieg und Gewalt. Das Libretto von Henry Purcells einziger Oper „Dido and Aeneas“ basiert auf Vergils Aeneis und erzählt die tragische Liebesgeschichte zwischen Dido, der Königin von Karthago, und dem trojanischen Helden Aeneas.
Aeneas landet mit seinen Gefährten in Karthago. Königin Dido verliebt sich in ihn. Das Schicksal, durch eine Zauberin und zwei Hexen personifiziert, hat Aeneas aber auserkoren, weiter nach Italien zu ziehen, um Rom zu gründen. Dido hatte nach der Ermordung ihres Ehemannes den Eid geleistet, sich nie wieder mit einem Mann zu verbinden. Aeneas, hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Liebe, beschließt zu gehen. Dido ist verzweifelt und weist ihn voller Schmerz zurück. Nach Aeneas’ Abreise stirbt Dido an gebrochenem Herzen.

Das Augenmerk der Schweriner Inszenierung liegt im Prolog der Vorgeschichte der Protagonist*innen: Gemeinsam ist beiden die Erfahrung von Flucht und Verlust: Aeneas musste aus dem kriegsversehrten Troja fliehen und verlor Ehefrau, Vater und weitere Gefährten. Dido flüchtete, nach Nordafrika um um Karthago zu gründen nachdem ihr intriganter Bruder ihren Ehemann aus Habgier ermordet hatte.
Diese traumatischen Brüche in den Biographien Didos und Aeneas´ sind die Basis, auf der die beiden Sparten Tanz und Musiktheater Miteinander in Interaktion treten. Der Oper ist mit dem Tanz eine weitere Dimension an die Seite gestellt, und das macht die Inszenierung so besonders.
Regisseurin Reyna Bruns und Choreograph Jonathan dos Santos deuten das Libretto dabei psychoanalytisch aus. Sie verleihen den Figuren Tiefe, indem sie der bewussten Handlungsebene, auf der die Sänger*innen agieren, eine unbewusste Seite gegenüberstellen. Die Tänzer*innen verkörpern diese.
So versteht Reyna Bruns die Oper als den psychischen Heilungsprozess der Dido in Anlehnung an das Modell des Schweizer Psychoanalytikers Carl Gustav Jung: Durch die Integrationsarbeit unbewusster und bewusster Anteile strebe Dido nach Ganzheit ihres zersplitterten Geistes, um schließlich zu ihrem vollständigen und authentischen Selbst zu finden. Am Schluss der Oper steht in dieser Inszenierung damit nicht der tatsächliche, sondern ein sinnbildlicher Tod als Ende eines geistigen Transformationsprozesses: die emanzipatorische Überwindung traumabedingter Handlungsmuster.


Der Prolog führt in die traumatische Erfahrungswelt Didos und Aeneas’ ein: Der ursprüngliche Prolog der Oper gilt als verschollen. In dieser Leerstelle berichten Dido und Aeneas von ihren vergangenen Verletzungen. Danach erklingt das 1978 vom US-amerikanischen Komponisten John Adams geschaffene Shaking and Trembling aus dem Zyklus Shaker Loops – ein Werk der Minimal Music. Die Tänzer*innen des Ensembles setzen die intensive, emotional unruhige und instabile Atmosphäre des Stückes ausdrucksstark um. Das Geschehen wird zunehmend destruktiver: eine Mauer, die zunächst den gesamten hinteren Teil der Bühne einnimmt, stürzt krachend zusammen. Videoprojektionen zeigen dahinter alptraumhafte Schattenbilder von Gewalt, Kriegsszenen und übernatürlichen Chimären. Ohne Zweifel: Das Shaking and Trembling – Schütteln und Zittern – bezieht sich ganz unmittelbar auf Kernsymptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Protagonisten und ihre Schatten
Es sind dann auch diese unbewussten Anteile der Figuren, ihre “Schattenanteile” (C.G. Jung), die sie durch die gesamte Handlung begleiten. Mal ahmen sie ihre Gesten tänzerisch grotesk nach. Mal packen und umschlingen sie Dido oder Aeneas und lähmen diese buchstäblich. Mal interagieren sie als Schattenanteile der beiden Protagonisten abweichend zur Handlung. Mal umkreisen sie stumm und wie getrieben die Sänger*innen auf der Bühne. Zusammen mit dem Chor, der über weite Teile des Stückes auf der Bühne präsent ist, bewegen sich meist sehr viele Personen gleichzeitig. Anfangs ist es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Gelungen ist diese ständige Bewegung und Unruhe auf der Bühne aber allemal, um die seelischen Kämpfe Didos und Aeneas zu inszenieren.


Das Konzept des Bühnenbildes ist konsequent: nahezu sämtliche Elemente werden vom Ensemble sukzessive aus den Steinen der eingestürzten Mauer gebaut und wieder abgerissen. Niemandem gelingt es, sich von den Lasten der Vergangenheit zu befreien.
Die Hexen-Gestalten der Oper erfahren bei dieser Inszenierung ebenso eine psychologische Umdeutung. Sie drängen in dieser Lesart die unbewussten Anteile in Aeneas´ Persönlichkeit für die bewusste Auseinandersetzung an die Oberfläche. Sie böten die Gelegenheit für Aeneas, seine eigene Komfortzone zu verlassen und weiter zu wachsen, wie es Regisseurin Reyna Bruns ausdrückt. Es ist dies die Initialzündung für das kathartische Erlebnis Didos im Finale: In ihrer schmerzvollen Schlussarie, in der sie den Abschied von Aeneas besingt, befreit sie sich vom erlebten Schmerz und den Lasten der Vergangenheit.
Am Schluss fällt der Vorhang vor einer dunklen Bühne. Die Scheinwerfer sind derweil auf den ersten Rang gerichtet, auf dem die “neugeborene” Dido erscheint.
Aki Schmitt leitet ein ausdrucksstarkes Mecklenburger Staatstheater in der einer barocken Oper angemessenen, kleinen Besetzung. Cembalo, Perkussion und Gitarre setzen gelungene Akzente. Fulminant singt Ekaterina Chayka-Rubinstein als Gast in der Rolle der Dido. Brian Davis als Aeneas weiß ebenso zu überzeugen. Als tanzender “Schattenanteil” der Dido ist insbesondere die grandiose Performance von Eliza Kalcheva hervorzuheben.
Mit der zweiten englischen Oper in dieser Spielzeit überzeugte das Ensemble auch am Sonntag das Publikum. Im sehr gut besuchten Staatstheater wurde diese etwa 75-minütige Inszenierung mit minutenlangem, begeisterten Applaus honoriert.
Titelfoto: vorne Julio Morel, Eliza Kalcheva hinten Ballett Schwerin @Admill Kuyler
