„Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll.“ Das schrieb Wilhelm von Humboldt 1809 an seine Frau. Fasziniert waren auch bedeutende Maler wie Max Pechstein, Lovis Corinth und Karl Schmidt-Rottluff von der rund 100 Kilometer langen, schmalen Landzunge. Über 120 Werke von Malern der Künstlerkolonie Nidden, einer der ältesten Europas, sind in zwei Ausstellungen in Ahrenshoop zu sehen.
von Marion Wulf-Nixdorf
Da liegen sie still auf dem Wasser: die Kurenkähne. Imposante große braun-graue Segel erinnern an die Zeesboote von Fischland und Darß. Aber dennoch sind sie ganz anders und eigen. Kurenkähne, das sind flache Holzboote, die mit einem Tiefgang von unter einem halben Meter bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Kurischen und Frischen Haff in Ostpreußen als Fischerboote dienten. Sie transportierten alles, was nötig war: Vieh, Holz, Heu. Neben ihrem plumpen Rumpf sind die am Mast aufgesetzten Kurenwimpel in querrechteckiger Grundform, mit denen die Fischer ihren Heimathafen zeigten, eine Besonderheit.
Die Kähne waren eines der beliebtesten Motive der Maler, die die Künstlerkolonie in Nidden, auch Nida, bis 1945 prägten. Die Fischerei war der Haupterwerb der Menschen dort. Nidden auf der Kurischen Nehrung steht nicht nur für den Ort, der 1930 durch Thomas Mann und seine Familie bekannt wurde, Nidden steht auch für eine Region zwischen der manchmal wilden Ostsee und dem stillen Haff.
Die Maler liebten die Dünenlandschaft, auch „preußische Sahara“ genannt, die Elche, die tiefgrünen Weideflächen, das Licht, die damit einhergehende „gewisse Melancholie“, wie der Hamburger Sammler und Kunstexperte Bernd Schimpke in seinem Buch „Künstlerkolonie Nidden. Eine Landschaft voll Licht und Farbe“, schreibt.

In den beiden Ausstellungen sind es aber besonders die weniger bekannten Namen, die in den Bann ziehen: So ist im Ahrenshooper Kunstkaten eine Personalausstellung des spätimpressionistischen Landschaftsmalers Carl Knauf zu sehen. Er gehörte zu den Malern, die lange fest in Nidden lebten, von 1931 bis zu seinem Tod 1944. Er, der in Düsseldorf an der Kunstakademie studiert hatte, baute auf dem „Schwiegermutterberg“, nahe des Thomas-Mann-Hauses, eines der ersten Künstlerhäuser in Nidden. Carl Knauf tauchte tief in das Leben der Menschen und in die Landschaft ein. Als Soldat hatte er 1914 die ostpreußische Landschaft lieben gelernt.
Andere Maler kamen nur in der warmen Jahreszeit und flüchteten den kalten Wintern. Diese kleine, sehr feine Personalausstellung zeigt gleich mehrere Bilder von Kurenkähnen, die nach 1945 alle verheizt worden sind, wie Herta Paul schreibt. Carl Knauf führte Form und Farbe zusammen und begeisterte Badegäste, die die Bilder schon im Entstehen an der Staffelei verfolgten. Auch seine Landschaftsbilder ziehen an.
Leider war er lange fast vergessen. Es ist eine grandiose Idee, ihm eine eigene Ausstellung zu widmen, während im Ahrenshooper Kunstmuseum all die anderen Niddener zu sehen sind wie Ernst Mollenhauer, Olof August Jernberg, Rudolf Hammer, Bertold Genzmer, Gustav Fenkohl und Josef Adam. Besonders beachtenswert sind in der Zeit auch die Bilder von Frauen wie Lieselotte Plangger-Popp, Marie von Keudell und Berta Schütz. Begeistert malten sie die Fischerkaten, die Fischer, die urwüchsige Landschaft mit der einzigartigen Motivvielfalt in den verschiedenen Lichtverhältnissen.
Einige Künstler kamen von der nahe gelegenen Königsberger Akademie, wie zum Beispiel Alfred Partikel. Ein Maler, den es ab 1922 für die Sommermonate nach Ahrenshoop zog. 1925 baute er sich ein Haus in der Dorfstraße. Im Oktober 1945 kam er von einem Gang ins Ahrenshooper Holz nicht zurück. Sein Tod konnte nie aufgeklärt werden.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der Besetzung durch die Russen von 1945 bis 1989 und dem Kalten Krieg waren Ostpreußen, das Frische Haff und die Kurische Nehrung aus dem Bewusstsein derer, die keine innere Bindung dorthin hatten, gestrichen. Die Einheimischen flohen, die evangelische Kirche und der Friedhof wurden geplündert und teilweise zerstört. Bis 1961 war die Kurische Nehrung militärisches Sperrgebiet.
Von den knapp 100 Kilometern Gesamtlänge der Kurischen Nehrung, die seit 2000 zum Weltkulturerbe gehört, war der 46 km lange südliche Teil russisch und bis 1945 deutsch. Der 52 km lange nördliche Teil gehörte seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Litauen, war von 1939 bis 1945 deutsch annektiert und von 1945 bis 1989 Teil der Sowjetunion. Seither gehört dieser Teil zu Litauen und gewinnt zunehmend an Bedeutung durch Tourismus. Auch die ehemalige Künstlerkolonie rückt so wieder ins Bewusstsein. Das Thomas-Mann-Haus wurde Gedenkstätte, die Kirche ist saniert und es gibt eine kleine Erinnerungsstätte an die Künstler von vor 1945. Ausstellungen in Deutschland mit Nidden-Malern verzeichnen einen Besucheransturm.
Die Ausstellung im Kunstkaten Ahrenshoop ist nur noch bis zum 2. März, dienstags bis sonntags von 10 bis 13 und 14 bis 16 Uhr zu sehen; Im Kunstmuseum Ahrenshoop können die Werke noch bis zum 30. März, dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, besichtigt werden.
Titelfoto: Carl Knauf: Nidden Impression am Haff, Öl auf Leinwand, 50×60 cm, um 1932, alle Fotos: Marion Wulf-Nixdorf
