Fünfundzwanzig Prozent für die Engel

Besuch der Whisky Oase Sonnenhof in Wustrow auf dem Fischland

von Gottfried Timm

Der Weg zur Whisky Oase ist nicht leicht zu finden. In der Wustrower Strandstraße biegst du um ein unauffälliges weißes Haus. Dann siehst du an der Hauswand über drei alten Whiskyfässern ein paar Grünpflanzen aufragen. Auf den Fässern angebrochene Flaschen, bernstein- oder mahagonifarben im Sonnenlicht, umstellt von Gläsern mit Inschriften verschiedener Destillen. Du schaust durch eine Glastür, öffnest sie behutsam wie den Eintritt zu einem Atelier. Jetzt wirst du fast erschlagen von mehreren bis zur Zimmerdecke hinaufreichenden Regalen, Flaschen über Flaschen. Es ist eng. Im Halbdunkel funkelt es goldgelb von den Wänden, in der Mitte glitzert ein Leuchter über einem vollgestellten Rondell. Ich erkenne ein Etikett mit japanischen Schriftzeichen. Süßlich angereicherter Duft im Raum, oder sind meine Sinne vernebelt, schon jetzt? 

Aus dem Schatten am Tresen tritt Hans Joachim Belza hervor, er habe gerade etwas gekocht, sagt er. Vor mir steht ein untersetzter Herr in einem für einen Whiskyverkäufer ungewöhnlich vornehmen Leinensakko, dazu eine gut sitzende Fliege. Wir sind verabredet. Mich interessiert, wie sich in dem uralten Seefahrerort Wustrow, einer heutigen Feriensiedlung, ein so klirrend bunter Whiskystore niederlassen konnte. Meinen Rucksack nehme ich vom Rücken, sicher ist sicher. 

Whisky-Kompositionen in Wustrow

Mit leicht zurückhaltender Geste weist Herr Belza zum Fenster, wir setzen uns. Von der Sonne beschienen erhebt sich hinter uns eine kupferne Brennblase, die stolz zwischen Flaschen und Kästchen den Raum überragt. Sie würde noch funktionieren, aber hier steht sie zur Anschauung, sagt er. Ich streiche mit den Fingern über die Rundungen, spüre die Bearbeitung mit den Hammerschlägen auf dem alten Metall. Kupfer gibt dem Whisky seine typische Note, höre ich. Seine eigene Marke komponiere er gelegentlich in der Whiskydestille Nine Springs auf Burg Scharfenstein bei Leinefelde. In meinen Händen wende ich eine weißklare Halbliterflasche mit dem dattelfarbigen Single Malt Nine Springs, Whisky Oase Sonnenhof.  

Über mir einige Single Malts aus Australien, Straight Bourbons aus Kentucky, ein Oamaruvian Whisky aus Neuseeland. Daneben eine betagte Tafel mit schottischen Destillen. Ladyburn, Bruichladdich, Glenlochy, Old Pulteney.  Wir drängen uns an zwei imitierten Bootsrümpfen voller Flaschen und unberührter Verpackungen mit Aufschriften aus aller Welt entlang. Segnend erhebt sich neben mir der irische Heilige St. Kevin auf einer Flasche Glendolough, der mich daran erinnert, dass es vor eineinhalb Jahrtausenden irische Mönche waren, die von ihren Pilgerreisen zum Mittelmeer die Rezeptur des Getreidebrands mitgebracht hatten. Sie nannten ihn uisce beatha, Wasser des Lebens, und führten dieses auf ihren nicht immer ungefährlichen Unternehmungen mit sich als ein hochprozentiges Mittel zur Wundheilung. 

Wasser des Lebens an der Ostsee

Dann sitzen wir in einer Nische hinter ausrangierten Fässern. Ergraute Eichenhölzer werden von betagten Metallreifen zusammengehalten. Die Kunst der Whiskyherstellung besteht heute in der Auswahl der Fässer, in denen nach dem Brennvorgang das Destillat gelagert wird, erklärt Belza. In diesen Fässern, die unter Whiskyherstellern hoch gehandelt werden, waren zuvor Rum, Rotwein, Sherry, Cognac oder Portwein bis zur Abfüllung gereift, die nun ihre Aromen auf den Whisky übertragen. Einige Whiskys werden im Laufe von Jahren nacheinander in ganz unterschiedliche Fässer umgefüllt. Mir wird klar: Das Geheimnis eines guten Whiskys liegt in der Komposition der Aromen während seiner Lagerung. 

Ich höre die Tür, ein Kunde – oder treffender: ein Besucher – drängt sich zwischen die Regale und sieht sich um. Man nickt sich zu, scheint sich zu kennen. Ich frage nach einem Lieblingswhisky. Nach einem längeren Blick in die Regalreihen fängt Hans Joachim Belza an, vom Toten Meer zu erzählen. Dort lagert bei 46 °C oder darüber der israelische M & H Whisky, vierhundert Meter unter dem Meeresniveau. Bei dieser Hitze und der trockenen Luft macht dort der Whisky in zwölf Monaten eine Entwicklung durch, für die andere Whiskys mehrere Jahre benötigen. In diesem einen Jahr allerdings gibt der Whisky fünfundzwanzig Prozent seines Alkohols ab, so dass er dann für ein paar weitere Jahre in ein kühleres Lagerhaus nach Tel Aviv verlegt werden muss. Unter normalen Temperaturen verliert Whisky bei seiner Reifung ein Prozent Alkohol pro Jahr, ein Alkoholprozent für die Engel, wie man in schottischen Pubs fest glaubt. In Israel, dem Land, in dem nach biblischer Verheißung Milch und Honig fließen, steigen beim M & H Whisky also allein im ersten Jahr fünfundzwanzig Prozent für die Schar der himmlischen Boten auf. 

Geschmack und Herkunft

Hans Joachim Belza erhebt sich und stellt zwei Gläser und eine Flasche Comraich von der Kilchoman-Destille auf das Fass, vor dem wir sitzen. Flüssiges Gold schwappt in meiner Hand, ein Duft von Nüssen, und dann genieße ich diesen blütenreichen und so wundervoll in der Tiefe abgerundeten Gerstenbrand, staunend. Eine unverkäufliche, für nur sieben Stores in der weiten Whiskywelt hergestellte Kreation. Er geht oft auf Reisen zu den Destillen, erzählt Belza, spricht dort mit dem Brennmeister und ebenso mit den Arbeitern, die die Fässer rollen. Wenn er seine Tastings veranstaltet, ist ihm die Herkunft eines Whiskys ebenso wichtig wie sein Geschmack. Nur auf diese Weise könne er einen Whisky verstehen, denn beides fließe in seinem Charakter zusammen. 

Ich will mich verabschieden, erwähne aber noch, dass ich es gewohnt war, in Whiskyläden nicht festlich gekleideten Herren, sondern bärtigen Burschen mit Haarschuppen im Wollpullover zu begegnen. Mein Gegenüber schmunzelt: Zu guten Getränken gehöre ein ebenso gutes Auftreten.

Beim Verlassen dieses Sonnenreiches komme ich an Regalreihen mit Gin und Obstbränden entlang, mein Blick tastet weiter und landet auf einigen exotisch anmutenden Flaschen, deren Etikette ihren Inhalt als Rum aus Übersee kennzeichnen. Jetzt fällt mir ein, dass ich erforschen wollte, ob es eine verborgene Verbindung zwischen dieser Whisky Oase und der alten Zeit gibt, als die Wustrower Kapitäne mit ihren Großseglern von fernen Gestaden das raue Gold in ihren Seesäcken mit nach Hause brachten. Es gibt also mehrere Gründe, auf das Fischland zurückzukehren und den Spuren des Lebenswassers weiter zu folgen. 

(Text und Fotos: Gottfried Timm)

Gottfried Timm, geboren und aufgewachsen in Mecklenburg, ehemaliger Pastor und Innenminister in MV, SPD – Mitglied, engagiert sich für den Klimaschutz, ist leidenschaftlich gern auf dem Wasser, lebt in Schwerin.
 

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