von Susanne Scherrer
Braucht es einen weiteren großformatigen Bildband über unsere beliebte Ferienregion Fischland-Darß-Zingst? Die Antwort ist ein eindeutiges Jein. Der Autor und erfahrene Sachverständige in Fragen mecklenburgischer und vorpommerscher Geschichte Wolf Karge hat die Texte geschrieben. Der Hamburger Ellert & Richter Verlag besorgte die glanzvoll farbigen Fotos des neuen, 160 Seiten umfassenden Bandes.
Warum also Jein? Allerorten im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft begegnen wir Kranichen. Die Sundischen Wiesen auf Zingst sind einer der beliebtesten und belebtesten Rastplätze der stimmgewaltigen Zugvögel. Zehntausende Kraniche legen hier gegen Herbst einen Stop-over ein. Nun gut, das wissen viele von uns, waren selbst schon auf Kranichbeobachtungstour, vielleicht sogar mit einem halbmeterlangen Teleobjektiv im Anschlag. Die verschiedenen Kranichfotos im Band können uns nicht wirklich überraschen. Nun lernen wir etwas dazu: Wolf Karge erklärt uns, dass die Sundischen Wiesen und das Gebiet um Pramort auf Zingst nicht seit eh und jeh den sympathischen Vögeln und der landwirtschaftlichen Nutzung vorbehalten waren. Das Gebiet wurde seit den 1930er Jahren bis zum Ende der DDR-Zeiten militärisch als Schießstandort, Bombenabwurf-Übungsgelände und Raketen-Testrampe genutzt. Da wirkt die ruhige herbstliche Idylle mit den majestätisch schreitenden und sich gemächlich in die Luft schwingenden Kranichen noch nachträglich gefährdet.
Wissenswertes und Hochglänzendes
Zum Ja-Teil im Jein zählen die wie immer wohl informierten Texte und die faktenreichen Exkurse des Autors. Er kennt die Region wie seine Westentasche, hat die Historie erforscht und beschreibt sie in einem angenehm sachlichen Tonfall. Über die Geschichte Ahrenshoops als Künstlerkolonie hat er bereits einen Band verfasst, zu bedeutenden Persönlichkeiten der Region Schriften veröffentlicht. So kann er aus seinen Forschungen auch hier schöpfen und sie in einen neuen geografischen Zusammenhang stellen.
Zum Nein-Teil des Jeins zählen die Fotos. Die aufschlussreichen Texte Wolf Karges hätten eine eigene fotografische Handschrift verdient. Stattdessen suchte der Verlag bei Adobe Stocks oder Wikipedia Commons nach Fundstücken. Auch verschiedene Bildagenturen haben geliefert. Die Ästhetik folgt den Lockrufen der Werbung: ewig blauer Himmel, ewig blaues Meer, Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, all shades of red oder rosa. Die hübsch bemalten Türen der Kapitänshäuser erscheinen in allen Variationen von fotogeshopten Knall- und Kontrastfarben. Und schon wieder Windflüchter! Es ist einiger Kitsch dabei, und teilweise auch in unzureichender Qualität (S. 59). Was tröstet, sind die gehaltvollen Erklärungen des Autors zu den Fotos, die über das Abgebildete hinausweisen. Was fehlt, sind Menschen. Menschen, die auf Fischland, Darß, und Zingst arbeiten und leben. So wirkt der Fotoanteil des Bandes auf mich im wörtlichen Sinne seelenlos.
Wen würde der Band erfreuen? Gehört er nur in die Wartezimmer von Privatpraxen oder auf die Couchtische großzügig geschnittener Wohnzimmer? Nein, die Texte sind es wert, studiert zu werden. Und sich dann zu fragen, wie es an der Ostseeküste wirklich aussieht. An einem trüben Dezembertag zum Beispiel.
Wolf Karge, Fischland, Darß, Zingst, Sehnsuchtsorte zwischen Bodden und Meer, Ellert & Richter Verlag, 2024, 160 Seiten, Hardcover, EUR 29,95.
Wolf Karge, Ahrenshoop, Künstlerkolonie zwischen Meer und Bodden, Verlag Atelier im Bauernhaus, 28870 Fischerhude. edition.fischerhuder Kunstbuch, 2017. Taschenbuch, 168 Seiten, EUR 14,00.
Susanne Scherrer, studierte Dipl.Pol., forscht zur Familie Mendelssohn, übersetzt aus dem Ungarischen, vermittelt und unterstützt Literatur, Konzert- und Kunstevents. Lebt in Schwerin.