„Endsieg“ – In dulci jubilo!? Trump ante portas.

von Reinhard Kuhlmann

Die Vorweihnachtszeit ist nicht nur mit Lebkuchen und Glühwein bepflastert. Auch schwarze Löcher tun sich hin und wieder auf. Mit der Absage einer geplanten Premiere am Schauspielhaus in Hamburg zeigte sich solch ein Loch in der Vorweihnachtszeit. Und das wurde kurzfristig höchst sinnvoll gestopft mit einer szenischen Inszenierung einer „künstlerisch-politischen Aktion“ mit ‚Endsieg‘ von Elfriede Jelinek in der Regie von Falk Richter. Vor zwei Tagen präsentierte das Deutsche Schauspielhaus Hamburg das Stück der österreichischen Nobelpreisträgerin.

Donald Trump, unschwer als Lieblingsfeind von Autorin, Regie, Ensemble und Publikum zu identifizieren, wird in der Rolle inszeniert, in der er sich am liebsten sieht. Der Größte überhaupt, grenzenloser Egomane, von Gottes Gnaden geschickt und geschützt – dabei gewaltaffin, maßlos, regelwidrig, ein weißer Macho sondersgleichen, ein Berserker und (An-)Führer zugleich.

Der archimedische Punkt zur Selbsterhöhung in die Inkarnation von göttlichem Willen bildet das Attentat auf Trump vom 13. Juli 2024. Das Überleben sowie die gestische Inszenierung beim Schusswaffenanschlag bilden auch den zentralen Ausgangspunkt des Stücks. Trump, der Unverwundbare, der Starke, von göttlicher Vorsehung gerettet. Jelinek nimmt diese mediale Inszenierung und spitzt sie zur Kenntlichkeit zu.

Die großen, aber eben auch leeren Worte Trumps in seinen immer wiederkehrenden Zukunftsversprechen brechen sich in der Feinsinnigkeit jelinekscher Eloquenz. Der Regisseur schaut genau hin – und findet in allen Absurditäten Trumps treffende Bilder. Dennoch schleicht sich ein durchschaubares Bemühen um Entlarvung ein – und will nicht immer mitreißen. Die Aneinanderreihung von Zumutungen, Unvernunft und Anmaßung erzeugt keine wirkliche Spannung, wirkt manchmal lustig, aber auch langatmig.

Es fehlt der zündende Gedanke, der einem bei aller Komik, bei aller Satire das Lachen vergehen lässt.

Wir sehen kein Absurditätenkabinett, wir sehen die oberste politische Gewalt des mächtigsten Landes auf der Erde. Die Autorin fokussiert sich aus gutem Grund auf die Person des nächsten Präsidenten der USA – und schöpft reichlich aus öffentlich zugänglichen Quellen. Die real existierende Bilderflut aus den Wahlkämpfen wird vom Regisseur durch quasi durchgehenden Videoeinsatz multipliziert und verschärft. In einzelnen Ausschnitten stabilisiert das einen dokumentarischen Charakter, die extrem kurzen Schnitte stumpfen ab und langweilen. Ein kaum fassbarer trauriger Höhepunkt ist die wiederholte Einblendung von Stolpern, Fallen und Selbsterschrecken des Präsidenten Biden. Nach solchen Bildern in den amerikanischen Medien musste man keinen Wahlkampf mehr machen. Der inszenierte, kraftstrotzende und pöbelnde Macho überstrahlt alles.

Diese „Erstpräsentation“ einer „politisch-künstlerischen Aktion“ hat zweifellos Werkstattcharakter. Vier Wochen nach den US-Wahlen und extrem kurzer zweiwöchiger Probenzeit ist immer noch ein bemerkenswerter Coup gelungen. Unerbittlich wird gezeigt, wie ein Volk durch Wahl einen Führer installiert, der die Demokratie verachtet, die Institutionen zerlegt, Menschenrechte untergräbt und Affinität zur Gewalt zeigt.

Den alten Griechen, nicht zuletzt Aristoteles, waren die Gefahren einer „Ochlokratie“, der Pöbelherrschaft, wohl bewußt. Das ist keine Wählerbeschimpfung, sondern nur ein geschärfter Blick auf die Auswahl des Führers für die Machtpositionen im Staatsapparat. Andeutungsweise wird dies auch im „Endsieg“ skizziert

Was bleibt?

Ein Besuch lohnt sich. Ebenso die Weiterarbeit an Stück und Inszenierung. Draußen vor dem Theater ist Hamburger Schietwetter. Und die Aussicht auf eine prekäre Wirklichkeit. Aber auch die Selbstvergewisserung im Kreise Wohlmeinender ist manchmal unterstützend.

Weitere Aufführungen: heute, 8. Dezember, 6. Januar und 24. Januar 2025

Reinhard Kuhlmann, IG Metall und SPD-Mitglied, ehemals: Vorstand und Arbeitsdirektor ThyssenKrupp Marine Systems, CEO Hellenic Shipyards, Generalsekretär Europäischer Metallgewerkschaftsbund, IG Metall – Grundsatzabteilung und Hans Böckler Stiftung – Forschungsförderung.
Alle Fotos: © Thomas Aurin

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