von Reinhard Wulfhorst
CD-Vorstellungen: Folge VI
Emilie Mayer, Quartette für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Es-Dur und G-Dur; Mariani Klavierquartett; cpo 2016
Emilie Mayer, Klaviersonate d-Moll (außerdem Walzer „Tonwellen“, Marcia A-Dur, Sinfonie Nr. 4 h-Moll, Klavierkonzert B-Dur, Streichquartett g-Moll); Yang Tai (Klavier), Ewa Kupiec (Klavier), Klenke Quartett, Neubrandenburger Philharmonie, Stefan Malzew, Sebastian Tewinkel; Capriccio 2012–2017
Emilie Mayer, Klaviersonate d-Moll (außerdem Fanny Hensel, Klaviersonate g-Moll); Kyra Steckeweh; 2018
Emilie Mayer habe ich schon in der Auftaktfolge dieses CD-Führers mit Musik aus Mecklenburg-Vorpommern mit ihrer tollen 7. Sinfonie kurz vorgestellt. Angesichts der beständig wachsenden Zahl der Aufnahmen mit Mayers Werken möchte ich der Komponistin noch eine eigene Folge widmen. Dafür habe ich Aufnahmen mit Klavierkammermusik ausgewählt. Auch wenn die öffentliche Aufmerksamkeit ihrem sinfonischen Schaffen galt und gilt, liegt für mich in der Kammermusik für Klavier und Streichinstrumente die besondere Stärke dieser mecklenburgischen Komponistin. Hier fühlt sie sich als vorzügliche Pianistin, die sich die teilweise ziemlich schwierigen Klavierparts auf den Leib geschrieben hat, hörbar wohl.
Die am häufigsten aufgeführte Komponistin ihrer Zeit
Emilie Mayer lebte in Friedland (Mecklenburg) und führte dort für ihren verwitweten Vater den Haushalt. Als dieser durch Suizid aus dem Leben schied, entschloss sie sich als 28-Jährige, zum Kompositionsstudium zu Carl Löwe nach Stettin zu gehen. Sie wurde dann die am häufigsten aufgeführte Komponistin ihrer Zeit. Und für mich ist sie die erste „hauptberufliche“ Komponistin der Musikgeschichte. Während andere Frauen neben ihrer Tätigkeit z. B. als konzertierende Künstlerin (Clara Schumann) oder Pädagogin (Louise Farrenc) „auch“ komponierten, konnte Emilie Mayer sich ausschließlich dem Komponieren widmen. Sie nutzte die besonderen Umstände für diesen mutigen Schritt: Sie war unverheiratet, hatte also keinen Familienhaushalt zu führen, und war durch Erbschaft finanziell einigermaßen abgesichert.

Die Klavierquartette: „schwelgerisch-leidenschaftliche Werke“
Die beiden Klavierquartette von Emilie Mayer erklangen zum ersten Mal seit Lebzeiten der Komponistin bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, die 2012 den 200. Geburtstag der Komponistin mit einer ganzen Reihe von Konzerten feierten. Die Notenausgabe des Quartetts in G-Dur konnte ich für das Fauré Quartett vorbereiten. Wegen dieses persönlichen Bezuges trete ich nach den schon bekannten Regeln mit Bewertungen hinter Zitaten aus der Fachpresse zurück. Das fällt leicht, weil die Begeisterung für die Aufnahme des Mariani Quartetts einhellig war.
Die Marianis sind vier renommierte Musiker, die neben ihrer Tätigkeit als Solisten, Professoren oder Mitglieder führender Orchester wie den Berliner Philharmonikern leidenschaftlich gern und vorzüglich Kammermusik machen. Das hört man. Der Kritiker der führenden CD-Zeitschrift FONO FORUM geriet ins Schwärmen: „Das Resultat begeistert auf ganzer Linie, denn: Die Werke brauchen Vergleiche mit den Gattungsklassikern (Mozart, Schumann) nicht zu scheuen … . Wie ein schützendes Kleid legt sich das Spiel der Musiker um Mayers nie schroffe, nie auftrumpfende, stets an klassischen Formprinzipien geschulte, dabei hoch eigenständige Werke. Grandios, wie das … Ensemble den Duft und Schmelz dieser melodienseligen Quartette in Szene setzt und dabei zugleich ihre strukturellen Tiefendimensionen durchleuchtet.“
Die Klaviersonate: „eine echte Entdeckung“
Die hier vorgestellten Werke von Emilie Mayer verbindet zweierlei: Mit ihnen ist die Komponistin, die eher klassisch begann, endgültig in der Romantik angelangt, und sie hat alle drei nie publiziert. Das ist bei der Klaviersonate d-Moll besonders „unverdient“, geradezu unverständlich. Sie wirft insoweit ein neues Licht auf die Komponistin, als diese gerade am Schluss des Werkes die Grenzen der überkommenen Harmonie- und Formprinzipien ausreizt. Das ist ungewöhnlich für Emilie Mayer, gilt sie doch ansonsten als eher konservativ, ein wenig „hinter der Zeit“. Die Sonate ist jedenfalls eine „echte Entdeckung“, wie Deutschlandfunk und SWR feststellten.

Nachdem ich die Sonate auf der Grundlage des Autographs in der Staatsbibliothek Berlin herausgegeben hatte, entstanden innerhalb kurzer Zeit gleich zwei Aufnahmen. Eine Empfehlung für eine von beiden möchte ich nicht geben, da ich den Pianistinnen Yang Tai und Kyra Steckeweh seit den Aufnahmen persönlich verbunden bin. Ein objektives Auswahlkriterium liegt auf der Hand: Bei der CD mit Yang Tai bekommen Sie noch fünf weitere hörenswerte Werke von Emilie Mayer dazu. Da beide Aufnahmen sehr gelobt wurden, liegen Sie bei beiden richtig.
