In Folge IV unserer Reihe „Perlen der Ostsee – eine musikalische Schatzsuche“ stellt Til Rohgalf die Musikerin Lisa Streich vor.
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Auf dem beschaulichen Gotland wohnt und arbeitet eine der spannendsten Komponistinnen der letzten Jahre: Lisa Streich. 1985 in Norra Råda, Schweden geboren und in der Nähe von Hamburg aufgewachsen, ist sie in der europäischen Musikszene gefragt und bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr war sie „composer in residence“ des renommierten Festivals in Luzern.
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Ihre Musik besticht durch die individuellen Mittel der Klangerzeugung und die außergewöhnliche Brechung der Tonalität: Neben klassischen Musiker*innen setzt Lisa Streich selbstgebaute mechanische Kleinmaschinen ein, die die Instrumente anschlagen. Rotierende Papierstreifen treffen auf die Saiten eines Klaviers, während die Tasten von Menschenhand heruntergedrückt werden. Durch diese Techniken entstehen ungewöhnliche sphärische, repetitive Klangfarben. Da die Mechanik niemals ganz gleichmäßige Rotationen erzeugt, schaffen diese Elemente ein spannendes Moment der Unberechenbarkeit und Imperfektion. Das mechanische Surren und Grundrauschen der Maschinen lässt den/die Hörende*n zudem an der Entwicklung der Klangerzeugung teilhaben.Die Musik vermittelt so etwas Prozesshaftes, sich beim Hörenden Entfaltendes. Erzeugt wird ebenfalls ein wohlig warmes Hintergrundrauschen analoger Aufnahmetechniken. Es ist dieses Element des Nicht-Perfekten, das Lisa Streich zum integralen Bestandteil ihrer Musik macht.
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Sie sei beim Musikhören an einen Punkt gekommen, an dem sie schmerzvoll wahrnahm, von konventionellen Musikproduktionen nicht mehr ausreichend berührt zu werden, sagte sie in einem Interview im Rahmen der Luzerner Festspiele. Sie suche nach dem Imperfekten in der Musik. Emotionale Ergriffenheit fand sie schließlich in der Performance von Amateurchören – hier sitzt naturgemäß nicht jeder Ton, ungeplante und unbeabsichtigte mikrotonale Abweichungen sind die Regel.
Diese mikrotonale Varianz bindet Lisa Streich in ihre Stücke ein. Sie bewegt sich oft im Bereich der Tonalität, bricht diese aber durch kleinste Tonverschiebungen. Die Orchestermusiker*innen und Sänger*innen erzeugen so ein Klangerlebnis, das durch seine planvolle Imperfektion eine ungewöhnliche Spannung und Vitalität entwickelt. Bereits 2018 ist das Album „Pietà” erschienen, auf dem sich Lisa Streichs charakteristischen Stilelemente in unterschiedlichen Besetzungen entfalten: im Duo, Chor, Ensemble oder Orchester. Herausragend ist das Titelstück: Das Ensemble „hand werk” bietet die Komposition äußerst sensibel und mit beeindruckendem dynamischen Spektrum dar. Ganze Passagen mäandern am Rande der Hörbarkeit im Zusammenspiel der mechanischen Geräusche und des fremdartig klingenden motorisierten Cellos. Hierfür rotieren Papier- und Plastikstreifen mithilfe von insgesamt vier Elektromotoren, die an unterschiedlichen Stellen des Cellos angebracht sind. Wie ein Donnerschlag durchbrechen dann im weiteren Verlauf Tuttischläge fortissimo und staccato die leisen Passagen.
Ein weiterer Höhepunkt ist das nachfolgende „Agnel” für 12-stimmigen Chor, Objekte, Knabenstimme und Elektronik. Introspektiv, meditativ und seltsam entrückt klingt das „Vokalensemble Kölner Dom” bei diesem Stück. Die Harmonien werden durch Lisa Streichs mikrotonale Verschiebungen gebrochen, bewahren aber ihren Charakter. Textbrocken aus dem liturgischen „Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis. Dona nobis pacem“ (Lamm Gottes, das du trägst die Sünde der Welt, erbarm dich unser. Gib uns Frieden) werden bis zur Unkenntlichkeit zerlegt und neu zusammengesetzt. Dezente Geräusche von Schmirgelpapier, Metallplatten und Papierknäueln sind wiederkehrende Momente. Sie bekommen durch die Akustik des Kölner Doms, in dem die Aufnahme entstand, einen fremdartigen Klangcharakter. Das räumliche Grundrauschen, zu dem sich im Laufe des Stückes ein hochfrequentes Sinuston-Flimmern ergänzt, vermittelt das Gefühl, einer viel gespielten Kassette zuzuhören. Es entfaltet ein seltsam anachronistisches, zeitlich entrücktes Hörerlebnis.
Von besonderer Radikalität ist dann schließlich das über 27-minütige „Stabat” als Finale des Albums. Das textfreie „Stabat” ist ein 32-stimmiges Werk für 4 Chöre. Inspiriert wurde Lisa Streich hierbei von den polyphonen Choralwerken der Renaissance, insbesondere von Palestrina. Sie transportiert diese Tradition aber in ihre kompositorische Gegenwart: Die Stimmen überlagern sich in radikaler Langsamkeit über die gesamte Spielzeit in sich scheinbar nicht wiederholenden Konstellationen. Es ist diese scheinbare Strukturlosig- und Willkürlichkeit, die dem Stück eine besondere Atmosphäre verleiht.
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„Pietà” ist auch der Name eines Gemäldes des französischen Malers William-Adolphe Bouguereau. Der Figurenrahmen des Bildes ist auf dem Albumcover zu sehen. „Pietà” stellt die Mutter Maria dar, die den leblosen Körper ihres gekreuzigten Sohnes hält. Auch der Titel „Stabat” in Anlehnung an das „Stabat Mater” verweist auf die Mutter Jesu im Augenblick der Kreuzigung. Die religiösen Andeutungen und Zitate, die sphärisch-entrückten Chöre und die Mechanik der selbstgebauten Automaten mit ihrem Surren und Knacken gehen in Lisa Streichs Musik eine widersprüchliche und dennoch stimmige Melange ein, die das Diesseitige und die Sehnsucht nach dem Jenseitigen klanglich in sich vereint.
Foto: William-Adolphe Bouguereau (1825-1905) – Pieta (1876)
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Im Begleittext des Albums schreibt der Musikwissenschaftler Rainer Nonnenmann: „Lisa Streichs Musik ist von einwickelnder Schönheit, zugleich ernst und verspielt, kraft- und bedeutungsvoll, körperlich, grausam und zart. Sie gibt viel zu denken und fühlen, ist mehrstimmig, doppelbödig, inkongruent, poetisch und profan, mithin widersprüchlich wie das Leben selbst. Es ist Musik von dieser, doch nicht nur von dieser Welt.“ Lisa Streichs Werke sind von enormer Vielschichtigkeit und dezentem Detailreichtum. Es lohnt sich, mit dem Album „Pietà” auf musikalische Entdeckungsreise zu gehen.
Titelfoto: CD Cover: „Pietà für motorisiertes Cello & Ensemble“ ist erschienen bei „Wergo – das Label für Neue Musik“ Foto: Grey85, pixabay
