Die Pianistin und Sounddesignerin Büşra Kayıkçı spielt im Schweriner E-Werk
von Til Rohgalf
Für die musikalische Grenzgängerin Büşra Kayıkçı öffnet das Schweriner E-Werk im Rahmen des Festspielsommers MV seine Tore. Die Istanbuler Komponistin verbindet in ihrer Musik Einflüsse von Neoklassik, Minimal Music, Electronica und Jazz zu einer individuellen und emotionalen Melange. Büşra Kayıkçı, 1990 geboren, ist eine multidisziplinäre Künstlerin. Im Alter von neun Jahren begann sie mit dem Klavierspiel, wenig später mit dem Balletttanz. Bereits in ihrer Schulzeit besuchte sie eine Wochenend-Kunstschule. Nach ihrem Studium der Innenarchitektur arbeitete sie für wenige Jahre in diesem Bereich, um sich schließlich vorrangig der Musik und der Komposition zu widmen. Sporadisch ist sie auch als Illustratorin für Kinderbücher tätig.
Diese vielfältigen kreativen Perspektiven fließen in ihre Kompositionen ein. Insbesondere die Bedeutung architektonischer Techniken hebt sie hervor: „In gewisser Weise entwerfe ich als Komponistin einen Ort, und das Publikum läuft darin herum und bewegt sich in seiner Architektur. Ich glaube, dass wir, wenn wir ein Lied hören, von Raum zu Raum und von Zeit zu Zeit reisen. Wenn dich eine Melodie tief berührt, kannst du einen Ort mit deinem Geist und deiner Seele erleben.“
.

Ihr aktuelles Album, Places (2023), beschreibt sie selbst als „synästhetische” Annäherung an Musik. Um einen Raum harmonisch zu gestalten, bedürfe es der passenden Auswahl und Verbindung von Farben, Formen und Materialien. Auf entsprechende Weise versteht sie beim Komponieren Harmonien, Melodien, Motive, Form, tonales Material und Sounddesign als modulare Elemente, die sie in passender Balance miteinander verbindet.
.
Ihre Musik ist vielschichtig, emotional und feinsinnig. Für ihr Klavierspiel nutzt sie den für das moderne Klavierspiel so prägenden „Felt piano”-Sound. Dieser Klang entsteht beim Herunterdrücken des sogenannten Moderatorenpedals am Klavier. Ein Filzstreifen schiebt sich zwischen Hämmer und Saiten, so dass das Klavier leiser und sanfter klingt. Die Obertöne und Höhen werden nahezu eliminiert. Populär wurde dieser Sound vor allem durch Chilly Gonzales’ Album “solo piano” (2004). Musiker wie Nils Frahm oder Keith Kenniff (als Goldmund) nutzten in der Folge ebenfalls diesen „mauscheligen” Klaviersound. In die zeitgenössische Filmmusik hat er längst Eingang gefunden.
Auch bei Büsra Kayikçi entsteht mithilfe des Moderatorenpedals ein sehr intimer Klang. Durch die leiseren Klaviersaiten werden Nebengeräusche wie der Tastendruck oder die Mechanik des Instruments zu Bestandteilen der Musik. Beim Hören entsteht der Eindruck der räumlichen Unmittelbarkeit. In vielen Stücken spielt Büsra Kayikçi mit einem präparierten Klavier. Verschiedene Gegenstände auf den Klaviersaiten verfremden deren Klang, dämpfen ihn oder erzeugen beim Spielen rhythmisch-mechanische Geräusche. Diese vermengen sich mit dezenten elektronischen Sounds sowie partiell mit der instrumentell eingesetzten Stimme Kayikçis. Diese Elemente erzeugen Spannung und akustische Brüche zum warmen Klaviersound.
Inspiriert wird Büsra Kayikçi – neben John Cage und Michael Nyman – durch den musikalischen Grenzgänger Nils Frahm. Stellenweise lassen sich kompositorische Parallelen heraushören. Büsra Kayikçi gelingt es aber, ihren eigenen Stil zu entfalten. Mit harmonischen Brüchen, ihrem gekonnten und präzisen Einsatz atonaler Strukturen und der Komplexität ihrer Kompositionen entwickelt sie eine individuelle musikalische Sprache. Ihre Beschäftigung mit klassischen wie modernen Komponist*innen lässt sich erahnen. Punktuell schimmert auch der melancholisch-lakonische Stil von Erik Satie durch. Ihre harmonische Raffinesse lässt auch die Arpeggios in einigen Stücken des Albums nicht in inflationär gespielte Philip Glass-Reminiszenzen und Filmmusik-Stangenware abdriften.
Stimmige Spannungsbögen binden die Aufmerksamkeit beim Hören. Büsra Kayikçi versteht es, durch ihre dynamische Bandbreite und ihr intensives Spiel zu fesseln. Viele ihrer Einspielungen sind first takes. Die Unmittelbarkeit der Musik wird somit wichtiger als die perfekte Aufnahme. Dieser Impetus macht Kayikçis planvolle Musikarchitektur zu einem lebendigen Hörerlebnis.
Auf „Places” ist Büsra Kayikçi als Solo-Künstlerin zu hören. Sie ist nahezu für alles verantwortlich. Auch das Cover stammt von ihr. Bei der Auswahl von Kollaborationspartner*innen zeigte sie ihre Affinität zur elektronischen Musik. Das Album „Bluets” (2022) nahm sie mit der türkischen Electronica-Soundtüftlerin Başak Günak (aka Ah! Kosmos) auf. Auf ihrer aktuellen Single „The Middle Of Nowhere” ließ Kayikçi das Material von dem chilenisch-amerikanischen Techno-Musiker Nicolas Jaar überarbeiten. Jaar ist mit seinem bunten Stilmix selbst seit Jahren als musikalischer Grenzgänger bekannt.
Karten für Büsra Kayikçis Solo-Konzert am 20. August im Schweriner E-Werk sind über den VVK der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern erhältlich.
(Fotos: CD Cover „Places”, 2022, Warner)
.
