von Manja Wittmann
Hier kommt eine Thriller-Empfehlung der seltenen Art. Die Autorin dieses Literaturtipps liest nämlich nur sehr selten Krimis oder Spannungsliteratur. Aber diesmal – bereits nach kurzem Reinlesen – zieht einen diese Geschichte um Jäger und Gejagte, Wölfe und Zäune, DDR- plus Nazi-Vergangenheit sowie geheime Genforschung auf einer abgeschotteten Insel in der Ostsee sofort in ihren Bann. Es entblättert sich ein unheimlich rasanter Wissenschaftsthriller, der zwischen Stralsund, der Peene und Anklam spielt.
Ein Toter und der riesige Wolf
Die Tierärztin und neuerdings auch Wolfsbeauftragte des Landkreises Vorpommern-Greifswald, Jenny Rausch, Ende 30, wird in einen Fall hineingezogen, der damit beginnt, dass ihr Vater Jo (Joachim) Rausch nach einem Jagdausflug vermisst wird. Doch nicht nur das, an seinem Hochsitz findet sich neben viel Blut auch eine männliche Leiche. Staatsanwalt Frederik Bach, Anfang 40, ermittelt und braucht fachliche Hilfe, denn in der Nähe des Tatortes wurde ein riesiger Wolf gesichtet. Das Raubtier wurde von Kameras aufgenommen, die alle paar Meter auf einem neuen, meterhohen Schutzzaun installiert sind, der als Pilotprojekt in der Gegend aufgebaut wurde. Zudem können per künstlicher Intelligenz die Tiere identifiziert und mit Spezialeffekten vertrieben werden.
Als wenig später die halbe Herde eines Schäfers grausam getötet wird und weitere Tote zu beklagen sind, wird die gesamte Untersuchung immer größer. Frederik Bach, kürzlich aus Berlin nach Vorpommern gezogen, braucht nun nicht nur Jennys Expertise in puncto Fachwissen über Wölfe, sondern genauso wichtig ist, dass sie ihn im Auto mitnehmen kann – er hat nämlich keinen Führerschein. Auf vielen gemeinsamen Fahrten durch einsame Landschaften entsteht so fast eine Schicksalsgemeinschaft.
Was hat die Familie damit zu tun?
Neben all den immer bedrohlicher werdenden Zeichen, dass es sich bei diesem Wolf um eine ganz besondere Spezies handelt, kämpft Jenny zudem mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Erst kurz vor Jos Verschwinden hat sie erfahren, dass er gar nicht ihr leiblicher Vater ist. Auch seine Verbindung mit dem Zaunprojekt ist ihr neu. Sie versteht die Welt nicht mehr. Sie sucht zusammen mit Frederik Bach nach allen möglichen Erklärungen, die sie bald in weit zurückliegende DDR-Zeiten führen. Dabei spielt die abgeriegelte Insel Riems, die bereits im Nationalsozialismus ein biowissenschaftliches Forschungszentrum war, eine herausragende Rolle. Und auch der Staatsanwalt hat persönliche Gründe, weshalb ihm dieser Fall sehr am Herzen liegt.
Dieser Thriller nimmt in seinen vielen kurzen Kapiteln immer wieder unvorhersehbare Wendungen. Dabei ist dem Autor Tibur Rode zugute zu halten, dass er auf dem Boden der wissenschaftlichen Tatsachen bzw. Möglichkeiten bleibt. Gegen Ende hin werden es immer abenteuerlichere Verwicklungen. Aber wie Rode all die aufgenommenen Fäden schließlich zusammenführt, hat neben einigen Überraschungseffekten und humorvollen Momenten auch eine große emotionale Wucht. So kommen hier nicht nur Leute, die Spannung mögen, auf ihre Kosten, sondern auch Liebhaber*innen überzeugend gezeichneter Charaktere.
„Lupus – Alles Böse kehrt zurück“ von Tibor Rode ist im Droemer Verlag erschienen. Die 480 Seiten kosten 18 Euro.
Manja Wittmann ist Bücher-Lotsin des Kulturkompass-MV und wird uns in alle möglichen Himmelsrichtungen literarischer Neuerscheinungen führen. Sie ist Buchhändlerin in München. Manja hat lange in der Film-und Fernsehbranche gearbeitet und wird uns beim Kulturkompass-MV auf ihre literarischen Favoriten hinweisen und spannende Sachbücher empfehlen. Sie kommt aus Schleswig-Holstein und da wundert es nicht, dass der Schwerpunkt auf Büchern liegt, die mit dem Meer zu tun haben oder von nord- bzw. ostdeutschen Autor*innen stammen.